Man glaubt ja, man habe inzwischen alles gesehen. Digitalisierung, Gipfeltreffen, die Ankündigung einer Entbürokratisierung. Und dann verlangt ein Onlineformular, man möge die Bestätigung bitte ausdrucken. Die Zukunft ist da. Sie hat nur gerade keinen Toner.

Willkommen im Erweiterungspaket „Gesellschaft“. Enthalten sind Freiheit, Verantwortung und ein kostenpflichtiges Update der Bedingungen. Die Freiheit dürfen Sie selbstverständlich behalten. Für ihre Nutzung benötigen Sie eine Kundennummer.

Fortschritt mit Wartemarke

Im Amt für die endgültige Verbesserung des Alltags sitzt ein Mann vor einem Bildschirm. Er ist nicht arbeitslos. Er arbeitet daran, nachzuweisen, dass er arbeitet. Eine zweite Person prüft, ob der Nachweis den Anforderungen entspricht. Eine dritte entwickelt die Anforderungen weiter. Das nennt man dann einen wachsenden Dienstleistungssektor.

Die künstliche Intelligenz soll das alles vereinfachen. Sie kann inzwischen Texte schreiben, Bilder erzeugen und mit großer Überzeugung Dinge behaupten. Damit erfüllt sie bereits mehrere Voraussetzungen für eine leitende Position. Ob sie auch Verantwortung übernimmt, steht noch im Kleingedruckten. Die Abteilung dafür ist ausgelagert.

Die Zukunft ist ausgezeichnet organisiert. Nur die Gegenwart hat keinen Zugriff.

Natürlich kann eine Maschine helfen. Eine digitale Verwaltung kann Wege verkürzen, eine Rechnung verständlich machen und einen Menschen von stumpfer Arbeit befreien. Der Witz beginnt dort, wo jede eingesparte Minute beim Bürger als neue Pflicht wieder auftaucht. Wir haben den Schalter abgeschafft und den Wartesaal in Ihr Wohnzimmer verlegt. Herzlichen Glückwunsch zur Selbstbedienung.

Das Gemeinwohl hat einen Ansprechpartner

Auch das gute Gewissen wird professioneller. Früher half man jemandem. Heute benötigt die Hilfe ein Konzept, eine Marke und eine Erfolgsgeschichte. Der Mensch mit dem Problem kommt darin vor, allerdings möglichst in einem freundlichen Vorher-nachher-Bild. Die Frage, ob ihm tatsächlich geholfen wurde, kann die Auswertung unnötig verkomplizieren.

Das ist eine erfundene Szene, kein Bericht über einen bestimmten Träger. Sie stellt eine konkrete Frage: Woran messen wir eine Leistung – an ihrem Etikett oder daran, was sie für den betroffenen Menschen verändert? Ein guter Zweck kann eine Rechnung erklären. Er kann sie nicht ersetzen.

Und während wir darüber reden, erklärt jemand im Fernsehen, die Leute müssten endlich wieder Vertrauen haben. Das ist ein interessanter Ansatz. Vielleicht beginnen wir versuchsweise mit Nachvollziehbarkeit. Vertrauen hat dann wenigstens eine Adresse, an die es zurückkehren kann.

Wir leben womöglich nicht in der letzten Dystopie. Vielleicht wohnen wir bloß in einer sehr ehrgeizigen Betaversion. Verbesserungsvorschläge sind willkommen. Bitte verwenden Sie dafür das Formular, das wegen Verbesserungsarbeiten gerade nicht erreichbar ist.

← Alle ArtikelNächster Artikel: Kentler: Wer schützte die Schutzlosen? →