Organisationen erzählen Geschichten über sich. Kritiker erzählen andere. Wer verstehen möchte, wie eine Gemeinschaft tatsächlich funktioniert, muss zwischen beiden Erzählungen arbeiten. Weder eine freundlich gestaltete Selbstdarstellung noch ein besonders harter Vorwurf ersetzt den Blick auf Regeln und konkrete Vorgänge.
Bei Scientology und den Zeugen Jehovas interessieren mich deshalb überprüfbare Fragen: Welche Bindungen entstehen? Wie wird mit Kritik umgegangen? Was geschieht beim Austritt? Welche unabhängigen Beschwerdewege gibt es? Die Antworten müssen für die jeweilige Organisation und den jeweiligen Zeitraum untersucht werden.
Nicht jede Akte sagt dasselbe
Ein Untersuchungsbericht, eine Zeugenaussage, eine Klageschrift und ein Urteil haben unterschiedliche Aussagekraft. Eine Klage enthält zunächst Behauptungen. Ein Urteil beantwortet bestimmte Rechtsfragen. Eine Untersuchung kann institutionelle Probleme dokumentieren, ohne damit jede einzelne Person einer Gemeinschaft zu beschreiben.
Die australische Royal Commission behandelte im Case Study 29 den Umgang der Zeugen Jehovas mit sexuellem Missbrauch von Kindern. Das ist ein konkreter Untersuchungsgegenstand. Daraus wird keine pauschale Behauptung über jeden Gläubigen und erst recht kein Beweis für eine grenzenlose verborgene Steuerung.
Ich möchte Kritik, die genauer hinsieht, als ihr Gegenstand es vielleicht gern hätte. Dazu gehört auch, Unterschiede festzuhalten und entlastende Befunde nicht zu verschweigen. Wer Menschen vor Abhängigkeit schützen will, sollte ihnen keine neue fertige Welterklärung als Eintrittskarte anbieten.
Quelle / weiterführend: Royal Commission · Case Study 29: Jehovah’s Witnesses ↗